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PoTS › Behandlung und Training

PoTS behandeln: Alltag, Kompression – und Training nach der Wiener Studie

Die wirksamsten Maßnahmen bei PoTS kosten wenig und liegen in Ihrer Hand: Flüssigkeit, Salz, Kompression und ein Training mit der richtigen Dosis. Was die Forschung seit unserer Studie 2005 dazu zeigt.

Prim. Priv.-Doz. Dr. Robert Winker · Facharzt für Innere Medizin und Arbeitsmedizin · Oktober 2026

Zuerst: Der Kreislauf braucht Volumen

Viele Menschen mit PoTS haben ein vermindertes Blutvolumen und ein „untrainiertes" Herz-Kreislauf-System. Deshalb stehen am Anfang jeder Behandlung einfache Maßnahmen, die internationale Leitlinien übereinstimmend empfehlen:

  • Trinken: etwa zwei bis drei Liter am Tag, verteilt; ein großes Glas Wasser vor dem Aufstehen hilft vielen.
  • Salz: mehr Salz im Essen – aber nur nach Rücksprache, wenn kein Bluthochdruck und keine Nierenerkrankung bestehen.
  • Kompression: Kompressionsstrümpfe bis zur Taille oder eine Bauchbinde verringern das Absacken des Blutes in Beine und Bauch.
  • Alltag: langsam aufstehen, langes Stehen und Hitze meiden, kleinere Mahlzeiten, Beine in der Nacht leicht tiefer und den Oberkörper etwas höher lagern.

Erst wenn das nicht ausreicht, kommen weitere ärztliche Maßnahmen dazu – gezielt und individuell, gemeinsam mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt. Die Leitlinien betonen, dass die Basis aus Volumen, Kompression und Training der wichtigste Teil bleibt.

2005: unsere randomisierte Trainingsstudie

An der Medizinischen Universität Wien haben wir 2.768 junge Erwachsene mit einem Fragebogen auf orthostatische Intoleranz untersucht und die Diagnose mit dem Kipptisch gesichert. 31 Betroffene nahmen an einer randomisierten Studie teil: drei Monate Lauftraining gegenüber keiner Intervention.

  • Nach dem Training erfüllten nur noch 6 von 16 Trainierten die Kriterien – gegenüber 10 von 11 in der Kontrollgruppe (p = 0,008).
  • Der Beschwerde-Score sank in der Trainingsgruppe von 1,79 auf 1,04; in der Kontrollgruppe blieb er unverändert (2,09 bzw. 2,14).

Unsere Schlussfolgerung (Hypertension 2005): Ausdauertraining sollte Teil der Behandlung sein. Zwei ehrliche Einschränkungen: Teilgenommen haben junge Männer, und der Begriff „orthostatische Intoleranz" war 2005 etwas weiter gefasst als PoTS nach heutigen Kriterien.

Aus unserer Forschung · Hypertension 2005

Nach drei Monaten: Wer hatte noch orthostatische Intoleranz?

Ausdauertraining (Laufen)6 von 16
Kontrollgruppe ohne Training10 von 11

Gefüllter Punkt = Kriterien weiterhin erfüllt · grau = nicht mehr erfüllt

Beschwerde-Score (niedriger = besser): Training 1,79 → 1,04 · Kontrolle 2,09 → 2,14

Randomisierte, kontrollierte Studie: 31 junge Männer mit im Kipptisch gesicherter orthostatischer Intoleranz (ausgewertet 16 bzw. 11), drei Monate Laufen oder keine Intervention; Unterschied p = 0,008. Winker R et al., Hypertension 2005;45:391–398. DOI

Was die Forschung seither ergänzt hat

Die Arbeitsgruppe um Benjamin Levine in Dallas hat später erklärt, warum Training wirkt: Menschen mit PoTS hatten ein kleineres Herz und ein geringeres Blutvolumen als Gesunde – ähnlich wie nach langer Schonung. Der wichtigste praktische Gedanke aus diesen Studien: im Liegen oder Sitzen beginnen – Rudern, Schwimmen, Liegeergometer –, damit Sie trainieren können, ohne dass die aufrechte Haltung die Beschwerden auslöst, und erst mit wachsender Fitness auf Training im Stehen umsteigen.

In einem internationalen Register beendeten 103 von 251 Teilnehmenden das Programm; von ihnen erfüllten 71 Prozent danach die PoTS-Kriterien nicht mehr. Die Abbruchrate gehört zur ehrlichen Bilanz: Mehr als die Hälfte hat nicht durchgehalten. Neuere Studien zeigen deshalb: Entscheidend ist die individuelle Dosis – ein Programm mit persönlich angepasster Intensität und Steigerung war in einer randomisierten Studie 2023 wirksamer als die übliche Empfehlung.

Die richtige Intensität: der Trainingspuls nach Karvonen

Damit Training weder über- noch unterfordert, berechnen wir den Trainingspuls nach der Karvonen-Formel aus Ihrem Ruhepuls und Ihrem maximalen Puls. Beide Werte werden am besten mit einer Ergometrie (Belastungs-EKG) gemessen – der Ruhepuls unter standardisierten Bedingungen vor der Belastung, der Maximalpuls bei Ausbelastung:

Trainingspuls = Ruhepuls + (Maximalpuls − Ruhepuls) × Intensität

Beispiel: Ruhepuls 70 und Maximalpuls 180, beide in der Ergometrie gemessen, Start mit 50 Prozent Intensität: 70 + (180 − 70) × 0,5 = 125 Schläge pro Minute. Mit zunehmender Fitness steigern wir schrittweise auf 60 bis 70 Prozent. Weil bei PoTS der Puls schon in Ruhe und im Stehen erhöht ist und stark von der Körperlage abhängt, sind die in der Ergometrie gemessenen Werte deutlich verlässlicher als Faustformeln nach dem Alter oder ein zu Hause gemessener Ruhepuls.

So entsteht Ihr Trainingspuls

Karvonen-Formel – eine Beispielrechnung

Trainingspuls = Ruhepuls + (Maximalpuls − Ruhepuls) × Intensität

Ruhepuls 70Maximalpuls 180

Trainingsbereich

125/min

bei 50 %

136/min

bei 60 %

147/min

bei 70 %

Start meist mit 50 %, dann schrittweise 60–70 %. Ruhe- und Maximalpuls werden am besten in der Ergometrie gemessen – die Zahlen hier sind ein Beispiel, Ihr Plan wird aus Ihren eigenen Werten berechnet.

Diese Rechnung ersetzt keine Untersuchung: Vor Trainingsbeginn sollte eine Ergometrie zeigen, dass Herz und Kreislauf belastbar sind.

Die Grenze: ME/CFS und post-exertionelle Malaise

Seit COVID-19 gibt es viele Menschen mit PoTS, die zugleich die Kriterien für ME/CFS erfüllen. Ihr Kennzeichen ist die post-exertionelle Malaise: eine deutliche Verschlechterung 12 bis 48 Stunden nach Anstrengung, die Tage anhält. Für diese Gruppe kann ein stufenweise gesteigertes Training schaden. Hier gilt Pacing: unter der persönlichen Belastungsgrenze bleiben, Pausen planen, den Puls im Blick behalten – und niemals „durchbeißen". Darum gibt es in unserer Abklärung bei ME/CFS keine Ergometrie, sondern einen Pacing-Plan. Mehr im Beitrag PoTS nach COVID.

So gehe ich heute vor

  1. Diagnose sichern und andere Ursachen ausschließen – Stehtest, Schellong-Test, EKG, Blutbefunde.
  2. Vor jeder Trainingsempfehlung nach post-exertioneller Malaise fragen.
  3. PoTS ohne PEM: Volumen, Salz, Kompression, dann ein Stufenplan – drei- bis fünfmal pro Woche, zuerst im Liegen oder Sitzen, Trainingspuls nach Karvonen, Krafttraining für die Beine.
  4. PoTS mit PEM: Pacing zuerst, sanfte Aktivität nur nach Verträglichkeit.
  5. Kontrolle nach 8 bis 12 Wochen: Stehtest, Beschwerden, Aktivität – die Dosis anpassen, nicht das Ziel.

PoTS-Abklärung – ein Paket, ein Preis

Fragebogen, Befund-Upload, Stehtest zu Hause, Untersuchung mit Schellong-Test und Ergometrie in Wien (für Deutschland und die Schweiz per Video), individueller Behandlungs- und Trainingsplan und ausführlicher Arztbrief – Festpreis 490 €.

Zum Paket →

Zum Autor: Prim. Priv.-Doz. Dr. Robert Winker ist Facharzt für Innere Medizin und Arbeitsmedizin in Wien, habilitiert an der Medizinischen Universität Wien und Erstautor der randomisierten Studie zu Ausdauertraining bei orthostatischer Intoleranz (Hypertension 2005). Publikationen zu PoTS

Quellen

Winker R, Barth A, Bidmon D, et al. Endurance exercise training in orthostatic intolerance: a randomized, controlled trial. Hypertension 2005;45:391–398. DOI

Fu Q, VanGundy TB, Galbreath MM, et al. Cardiac origins of the postural orthostatic tachycardia syndrome. J Am Coll Cardiol 2010. DOI

George SA, Bivens TB, Howden EJ, et al. The international POTS registry: Evaluating the efficacy of an exercise training intervention in a community setting. Heart Rhythm 2016. DOI

Fu Q, Levine BD. Exercise and non-pharmacological treatment of POTS. Auton Neurosci 2018. DOI

Sheldon RS et al. 2015 Heart Rhythm Society expert consensus statement. Heart Rhythm 2015. DOI

Vernino S et al. POTS: State of the science and clinical care from a 2019 NIH Expert Consensus Meeting – Part 1. Auton Neurosci 2021. DOI

Wheatley-Guy CM et al. Semi-supervised exercise training program more effective for individuals with POTS in randomized controlled trial. Clin Auton Res 2023. DOI

Chung TH et al. Postural Orthostatic Tachycardia Syndrome (POTS): A Review. JAMA 2026. DOI

Dieser Beitrag ist allgemeine medizinische Information und ersetzt keine Untersuchung. Bei Brustschmerz, Ohnmacht mit Verletzung, schwerer Atemnot oder neuen neurologischen Ausfällen: Notruf 144 (Österreich) bzw. 112.